Gibrels Inspektionsreise

Gibrel stand in der ortsgerechten Tracht eines reisenden asiatischen Händlers startbereit bei der nächsten Ausgangsrutsche und packte seinen mit vielerlei Schmuck voll gestopften Rucksack. Er lebte zufrieden dahin, jeden Tag … mit seinen Forschungs-Ausflügen auf diese verrückte Erde und geheimen Träumen voller Glück mit Yokoa. Ihr verdankte er aufregende Stunden voller Zärtlichkeit und Verstehen. Zwischen solchen Begegnungen mit ihr trödelte er wieder viele Tage als Einzelgänger dahin, in eigenen Trips … um sich später mit ihr wieder neu zu erfinden. Er liebte sein jeden Tag neues, aufregendes Leben.

Jahrelang hatte er streng und gewissenhaft an sich gearbeitet, dem Schicksal kräftig nachgeholfen. Jetzt durfte er auf dieser aufregenden Expedition in ein anderes Sonnensystem als Inspektor arbeiten. Das heisst, was man halt so bei Raumfahrern überhaupt Arbeit nennen mochte …

Gerade diskutierte Yokoa per Funk mit irgendeinem Mitglied ihres Forschungsteams. Ihre Stimme klang freudig erregt. Man hatte wohl wieder etwas Ungewöhnliches entdeckt. Er atmete ruhig, regelmässig, winkte ihr kurz mit der Hand, zündete seinen Taschenjet an und glitt auf der Rutschbahn ins Freie. Wieder dieses verrückte, totale Gefühl, wenn er sich so aus der Enge des Raumschiffes in diese Weite über der Erde fallen liess. Am liebsten wäre er täglich mehrere Male derart losgezogen. Aber er war ja kein Kind mehr. So umdüste er nur einmal auf zehntausend Meter Höhe diesen ganzen Erdball mit Höchstgeschwindigkeit … rein zum Vergnügen.

Gibrel genoss das wechselnde Farbspiel von Licht und Dunkelheit, von Wolken, Meeren und Landschaften, peilte schliesslich seinen Kontinent an, reduzierte während dem Hinabgleiten die Geschwindigkeit, bis er über jenem Flecken dort unten schwebte, den er jetzt untersuchen wollte. Der Computer hatte ihm gestern Nacht im Schlaf die nötige Sprache und das bisschen Wissen subliminal eingeträufelt … er würde sofort loslegen können, fast wie in seiner Muttersprache. Wie wenn er immer dort gelebt hätte.

Wie umwerfend schön war doch diese Landschaft, mit ihren verschneiten Bergketten ringsum. Gibrel wollte das Schauspiel nicht verpassen, blieb eine ganze Weile bewegungslos in der Luft hängen. Eine Miniaturwelt mit Menschen und Tieren, mit viel Landwirtschaft, etwas Handwerk und einem König. Aber trotz zunehmend fremden Händlern ein Ghetto, wo Abkapselung der Weiterentwicklung vorgezogen wurde und wo die Machthaber Bewegungslosigkeit mit Selbstzufriedenheit verwechselten.

Die in der gerade untergehenden Sonne rosagold leuchtenden Schneehänge stellten die natürliche, eigens für die Bewohner inszenierte Beleuchtung, die auch dem letzten Trödler noch erlaubte, ohne Lampen heimzuhuschen, Wohnung, Frau, oder einfach die billige Bettstatt im Gesindehaus doch noch zu
finden., Gerade war Winteranfang, fast niemand mehr stapfte auf den kaum freigetrampten Haupt-Verbindungswegen herum. Auch kein Lasttier war mehr draussen. Gibrel bewunderte die vielen Bauerndörfer an den Hängen und den um diese Zeit ruhigen Marktflecken mit dem ansehlichen Herrscherpalast im fruchtbaren Becken. Kein Mensch blickte nach oben.

Im Winter war das Tal zugeschneit, in sich abgeschlossen. Vor drei Tagen hatte sich die letzte Karavanne junger, mutiger Händler noch über den Zugangspass durch den Schnee gekämpft. Während vielen Monaten würden sie ihre Ware hier tropfenweise verkaufen können, dabei ihre Preise immer mehr steigern. Lange ruhige Stunden würden ihre Kräfte für die Frühlings-Reise wieder aufbauen und vor allem, endlich hätten sie wieder Zeit, jene Verbindungen zu knüpfen, die man andernorts als Brautschau bezeichnete, sich hier aber über ein strenges Ortsritual durch die Eltern abwickelten.

Während zwei Tagen wollte er den momentanen Bewusstseinszustand dieser Bewohner da unten studieren. Welche Mentalitätswechsel zeigten sich schon von hier aus? Gab es Anzeichen für neue Gesellschaftsformen?

Die wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften waren auf diesem Planeten noch auf der primitivsten Stufe: etwas Metallbearbeitung und sonst alltäglich nützliches Handwerk, etwas Astronomie für Seefahrer, auf diesem Kontinent eine fest verankerte Schreib- und Malkunst, alles mit nur langsamen Aufwärtsentwicklungen, welche bis jetzt durch mythologisches Denken oder durch Kriege immer wieder rückgängig gemacht worden waren. Die grösste Zahl der Menschen lebten noch als Bauern, einige immer noch als Nomaden. Im übrigen blieb die Erde für die Bewohner hier noch platt, an deren Rand lebten Dämonen.

Eine ‘kurze Routineaufgabe, das Resultat erhielt der Forschungscomputer direkt aus seinem Diktiergerät als Ring am Finger. Jeder arbeitete freiwillig, autonom, den bestehenden Gesetzen gemäss und nach Lust und Laune. Niemand wusste, wo er gerade steckte, auch Yokoa nicht. Man hatte schon lange aufgehört, sich in so genannten Liebesbeziehungen aneinander zu kleistern. In der primitiven Kultur dieses Planeten blieb diese Haltung ein Muss für Frauen, eine bessere Überlebenschance für fast alle übrigen. Glaubten sie wenigstens.

Seit lange herrschte Frieden in diesem Seitental, seine eingeübte Nahkampfmethode würde bei Streitereien ausreichen, ihn auch gegen gleichzeitig mehrere dieser unterentwickelten Kriecher hier zu schützen. Ob es diese Menschen seit der letzten Inspektion wohl weitergebracht hatten? Ob sie inzwischen gelernt hatten, einfach beobachtbare Fakten einer selbstgebauten Mythologie vorzuziehen? Ob sie sich etwa einen Hauch von Nächstenliebe erarbeitet hätten?

Schon jetzt zweifelte Gibrel. Offensichtlich stagnierte die Bewusstseinsentwicklung auf dem gleichen Niveau, wie aus früheren Berichten bekannt. Häuser von reichen Ortspotentaten waren zwar um ein Stockwerk erhöht worden, der Königspalast prahlte gleich mit einem ganzen neuen Flügel, die Hütten der Armen jedoch glotzten immer noch gleich miserabel in die Landschaft. Das war für ihn ein Zeichen, dass Mythologien immer noch die Vorherrschaft über die Fähigkeit zur Erkennung von Fakten ausübten. Ein Volk, das die Spannung von arm und reich zum Klassenunterschied zwischen den Menschen als Treibkraft benötigte, um überhaupt zu funktionieren, konnte es inzwischen sicher nicht viel weiter gebracht haben. Davon war er überzeugt.

Man schrieb das Jahr 1290, die Dynastie der Yüan herrschte unter dem Gross-Chan Kubilai über dieses Mongolen-Grossreich, das sich von Korea bis Persien, vom Südmeer bis zum Baikalsee erstreckte. Unter diesem toleranten Oberhaupt wüteten keine Religionskriege, die Grenzenlosigkeit eines solchen Landes erlaubte einen ausgeprägten Handels- und Reiseverkehr. Die zirkulierenden Waren, Menschen und Ideen beschehrten Jahre des Aufbaus, Rivalitäten zwischen Verbündeten und Angst vor Verlust bei möglichen Veränderungen legten sich aber sofort quer. Das potentiell schnelle Wachstum reduzierte sich somit wieder auf voraussehbar kleine Schritte.

Neues wurde zuerst systematisch beargwöhnt, beschimpft, zum Teufel gemacht und bekämpft. Deren Erfinder diskriminiert, maultot gemacht oder gar geköpft. Viele Männer zogen die Kriegsführung harter Arbeit vor, stahlen als Lieblingsbeschäftigung lieber Land, Güter und Frauen, als etwas Neues zu entwickeln. Fortschritte wurden nur toleriert, wenn Machthaber darin ihren Vorteil sahen … und damit hatte es sich. Fertig aus.

Zwei Tage würden längstens für einen zuverlässigen Rapport ausreichen.

Gibrel liess einen letzten Blick über die zauberhafte Bergwelt unter ihm gleiten, zu den weiter hinten liegenden Tälern, zu den sich plötzlich rasch nähernden Sturmwolken. Also seit fünfundsiebzig Jahren hatte hier kein Krieg mehr getobt, weder mit der übrigen Menschheit noch Bürgerkriege im Innern. Die Annexion dieses Kleinstaates zum grossmongolischen Reich war im Zusammenhang der Eroberung des Unterlandes auf diplomatische Weise erfolgt. Der König musste nur sein Gebiet dem unbeschränkten Handel aller Kaufleute des neuen Reiches öffnen, regelmässig ein gewisses Kontingent junger Soldaten stellen, eine festgesetzte Summe Steuern abliefern und im Innern für Ruhe und Frieden sorgen.

Unter diesen Bedingungen blieb er Herr im Hause.

Vom Handel profitierten vor allem die Reichen und das Oberhaupt, die zu exportierenden Soldaten und steuern stellte die Oberschicht mit einem jährlichen Quota an den Herrscher. Sie rafften zu diesem Zweck die Söhne der bei ihnen verschuldeten Ärmsten und sorgten somit für Ruhe im Land. Sollen diese potentiellen Rebellen dort im Unterland ihre Scheiterhaufen anzünden. Diese Daten hatte Gibrel schon vom Geschichtscomputer zu Hause erfahren. Eine ruhige Arbeit erwartete ihn. Nur Stichproben gewisser Mentalitätsschwankungen bei den einzelnen Individuen fehlten noch.

Ein starker Wind kam auf, trieb jetzt die Wolken vom gegenüberliegenden Berghang bis ins Tal hinunter, gleich würde es wieder schneien, alle kaum eröffneten Wege wieder schliessen. Aber diesen Menschen hier war das gleichgültig. Er musste sich beeilen. Gibrel landete bei der bestgeführten Herberge, gerade neben dem Palast, wo sich auch die Dorfobersten trafen, direkt hinter einem Schneehaufen. Die Sonne war hier schon untergegangen. Der Wind wurde stärker, pfiff scharf in die Kleider, die Wolken waren vollständig herunter gekommen. Niemand sah ihn landen. Gibrel schüttelte den Schnee von seinen warmen Schuhen, klopfte gemäss der Gewohnheit dieser Bergbevölkerung kurz an die Türe, betrat die Herberge und suchte den Besitzer.

Zuerst musste er über allerlei Gepäck hinwegschreiten, sich an hohen Ballen Handelsware vorbei bis zum Gastgeber durchzwängen, und von diesem das noch freie beste Zimmer für reiche ausländische Kaufleute mieten. Er hatte sich den feudalsten Raum geben lassen, und doch, es war eine Zumutung. Zwar konnte er von hier aus das Treiben auf dem Hauptplatz vor dem Palast beobachten, aber das Zimmer blieb kaum lüftbar, wegen der Kälte … sogar im kleinsten ihrer Raumschiffe wäre das immer noch ein Abstellkasten.

Jetzt veranstalte er darin zuerst genug Unordnung, wie wenn er schon drei Tage hier zugebracht hätte und suchte dann im überfüllten Essraum unten, zwischen den dicht zusammensitzenden Handwerkern, Soldaten und Händlern einen Sitzplatz: dort drüben, bei den zuletzt angekommenen jungen Kaufleuten war noch etwas Bank frei.

Als fremden, neu Eintretenden nahmen ihn im ganzen Saal neugierige Blicke auseinander. Keinem entging sein nur knapp asiatischer, so eigenartig fremder Gesichtszug. Er hatte sich absichtlich teure, aber überall leicht zerrissene Pelzkleidung fabriziert – als Einzelgänger war seine Reise obligatorisch beschwerlich verlaufen. Die dunkel behaarte Brust, die er hinter einem knapp offenen Seidenhemd mit Spitzen zwischen der leicht geöffneten Wolfsfelljacke gekonnt durchblicken lies, fand zwar Beachtung, aber durch keine einzige Frau.

Rigoros unüberwindliche Schranken trennten die Geschlechter auf allen öffentlichen Plätzen, nur Männer servierten in dieser Herberge die Speisen.

Auf jedem der ungehobelten Tische stand eine kleine Öllampe. Dicke Rauchschwaden hängten in einer stickigen, von Schweiss, ungewaschenen Füssen und Kohlsuppe durchsetzten Luft, die eigentlich kein normaler Mensch mehr atmen konnte. Gibrel erreichte die avisierte Bank und zwängte seine kurzgewachsene, wohlgenährte Gestalt zwischen zwei fahrende junge Händler, deren Beruf er für zwei Tage spielte.
- So, hast du es noch geschafft, uns nachzulaufen, wurde er gehänselt. Gibrel nickte kurz.
- Ich musste mein Bein kurieren, lag bis heute im Bett oben, dichtete er forsch zusammen. Keiner widersprach. Beim Wirt bestellte er das Kaufleutemenü der teuersten Variante, jenes mit Yakmilch und Hammelkeule. Sofort war sein Ansehen in der Runde auf dem für seine Aufgabe notwendigen obersten Niveau festgemacht. Er würde gut arbeiten können.

Beim Essen beobachtete er die Leute, deren Benehmen hatte sich laut früheren Berichten kaum verändert. Er log nahtlos glaubwürdige Geschichten zusammen, tauschte Erfahrungen aus, war sofort als feiner, Kumpel akzeptiert.
- Ich sage dir, du darfst nicht so billig verkaufen, sonst müssen wir die Preise auch senken. Wenn du uns in den Rücken fällst, müssen wir gegen dich einschreiten. Ein junger Händler am Tisch, ein ‘richtiger Neuling scheinbar, sicher auf seiner ersten Reise, wurde jetzt von der ganzen Händlersippe zurechtgewiesen.
- Ja, das finden wir auch, pflichteten die übrigen bei. Gibrel wollte sofort die Leute herausfordern. Würden sie bis zum Mord gehen? Diesen Punkt musste er sofort testen:
- Ich meine, dass Querulanten unschädlich gemacht werden müssen, sagte er. Dazu eine Handbewegung, die das Kopfabschneiden imitierte. Auf seinem Heimatplaneten würde jetzt ein Protestgeschrei losgehen … würde man ihn jetzt zurechtweisen?

Alle schwiegen, einige nickten sogar mit dem Kopf, der junge Mann schaute verstört vom einen zum andern.
- Du musst noch viel lernen, du Grünschnabel, wies der älteste Händler den Jüngling zurecht. Gibrel sah, der Gruppen-Zusammenhalt nach aussen blieb das dominanteste Gebot. Ethik gegenüber Fremden galt nur, wenn es etwas einbrachte.

Wirtschaftliche Verantwortung für andere Sippen und Völkern blieb immer noch Wunschdenken jener seiner Weltraumfahrerkollegen, die es nicht aufgeben konnten, in diesen primitiven Haufen hier eine Zukunft hineinzudeuten. Alles schon gehabt, seufzte er still in sich hinein. Er hatte mehr Mitleid mit seinen optimistischen Freunden da oben als mit diesem Pack hier unten, wie er es heimlich nannte.

Zuletzt war die Luft fast unerträglich geworden, es wurde dunkler im Raum, an verschiedenen Tischen waren die Oellampen gelöscht worden: Viele waren in ihren Schlafstätten verschwunden, einigen hatte der Wein und die Wärme derart zugesetzt, dass sie direkt auf ihren Bänken eingeschlafen herumlagen. Zum Glück hatte Gibrel vor dem Essen zwei der Antialkoholtabletten geschluckt, der Wein hier war hochkarätig schwer.

Gibrel kaufte einem der Händler noch zwei dicke, warme Angora-Ziegenfelle ab und stapfte damit als einer der letzten in seinen engen Besenkasten, wie er sein Zimmer betitelte.

In den nächsten zwei Tagen verkaufte er in allen Gruppen und Volksschichten seinen ganzen, mit dem Raumschiffcomputerfabrizierten Schmuck und testete nebenbei jeden Gesprächspartner. Feudale Stücke bei den Reichen, billigen Ramsch in den Bauerndörfern an den Berghängen. Dort herrschte zum Teil bittere Armut, aber überall würde Solidarität sofort über den Haufen geworfen, sobald einer seine Situation auf Kosten der übrigen hätte verbessern können.

Nur zwei Personen im Ganzen hatten seine provokativen Tests bestanden, wenn er ihnen solche Geschäfte in Aussicht stellte. Es waren Leute ohne jeden Einfluss unter ihresgleichen, hatten es zu nichts gebracht, null Ansehen in ihrer Gruppe erworben. Keiner guckte den zwei ihre aufopfernde Haltung ab, im Gegenteil, diese galt als Schwäche, die Betreffenden wurden dafür nur verachtet. Zur eigenen Rechtfertigung. Genau so reihte Gibrel die einzelnen Elemente in seinem Rapport zusammen.

Seine Hoffnung über diesen Planeten hier blieb, sagen wir, im untersten Drittel der Meinungsskala seiner fernen Heimat in Bezug auf das Gelingen der Bewohner, sich selber an den Haaren aus dem Wasser zu ziehen, das heisst, sich technisch weiter zu entwickeln und dabei gleichzeitig eine harmonische Menschheit aufzubauen. Gibrel konnte effektiv, innerhalb zwei Tagen genug Material für seinen voraussehbar negativen Rapport ermitteln. Blieb noch, morgen Mittag das Oberhaupt dieses Tales, den König selber, näher zu analysieren.

Da bemerkte er den Verlust seines Taschen-Fluggerätes.

Dieses hatte er hinter einer handtellergrossen, runden Bronze-Ziselierarbeit versteckt und auf seinen Gürtel als dessen Verzierung festgemacht. Gibrel vermisste das verflixte Ding erst, als er am Abend des zweiten Tages ins Bett wollte. Er hatte es ganz offensichtlich nur schlampig befestigt. Gerade hatte er noch mit zwei reichen Händlern gefachsimpelt, mehr zur eigenen Lust und Neugierde, sein Rapport war praktisch fertig, und vor diesem Gespräch war er noch lange durch den Schnee gelaufen.

Er hatte sich heute Nachmittag im zweitobersten Haus des Marktfleckens zum Vieruhr-Vorstellungstee einladen lassen, wo drei heiratsfähige Töchter auf Freier warteten. Mehr zum Zeitvertreib, Gibrel hatte dabei seine letzten Schmuckstücke verschenkt. Als neue Variante, diese loszuwerden, die ewige Feilscherei hier langweilte ihn schon.

Er hatte die Familiensitten eingehend studiert, war vom Vater und dessen Brüdern beobachtet worden, dann war er wieder mühsam im Schnee zurückgestampft … und jetzt das hier!

Er hatte mit irgendeiner Aktivität den morgigen Tag abwarten wollen, aber diese letzte Familienstudie war den Verlust seines Fluggerätes nun wirklich nicht Wert. Ach, wäre er doch heute Nachmittag, wie zuerst geplant, zu jenem Südseestrand geflogen, zu Leila und Ruth und hätte mit den zwei ein paar tolle Stunden verbracht …

und morgen schnell noch diesen mickerigen König hier besucht … jetzt kam er aus dem blöden abgekapselten Marktflecken vor dem Frühling nicht mehr weg, falls er das verfluchte Gerät nicht mehr fand. Für Gibrel ein Weltuntergang.

Auf diesem primitiven Planeten gab es ja keine Solidarität … arm sein bedeutete schwach sein, man sei nicht fähig, andere Menschen für sich arbeiten zu lassen. Eine ganze Kette von Mythologien waren so tief in diesen Köpfen verankert, dass berühmte Wissenschaftler auf ihrem Heimatplaneten gefaselt hatten, diese Minderwertigkeit im Benehmen der Menschen hier sei genetisch bedingt.

Aber soweit ging Gibrel nicht, auch hatten sofort andere, nicht weniger berühmte Wissenschaftler das pure Gegenteil behauptet. Und sich sogar noch aufgeplustert, mit einem wichtigen Experiment zu beweisen, dass sie richtig lagen. Nun, vom Experiment hatte er nie mehr etwas gehört. Wahrscheinlich waren sie einfach zu weit weg von den Heimat News, trotz guter Funkverbindung und der heimatlichen TV, die sich im Raumschiff ja kaum einer der Weltenbummler ansah. Hier stellte ein ganzer Planet mit seiner verrückten Schönheit und seinen komischen Menschen genug Live-Sketches. Zum Lachen oder zum Heulen.

Nein, für ihn war das Benehmen der Menschen hier nur eine dumme Gewohnheit, ein Teufelskreis, woraus man wohl ausbrechen könnte, wofür der Mut aber fehlte. Man zog es vor, sich gegenseitig Vertrauen vorzugaukeln, also menschliche Wärme, um sich umso besser in den Rücken fallen zu können, sobald dieses Benehmen einen persönlichen Vorteil brachte. Für Gibrel alles nur Mythologie-Verhalten.

Zuerst kam er fast in Panik. Wegen nur zwei Tagen Routinearbeit hatte er nur das Nötigste mitgenommen, sogar das Funkgerät als Ring am Finger vergessen. Immer nur die minimalste Technologie mit sich herumzuschleppen wurde schon lange eine Gewohnheit, es war ja strikte verboten, irgend ein solches Wunderding beaufsichtigt herumliegen zu lassen. Man war persönlich verantwortlich für jede Dummheit, die durch Wissen oder Unwissen der Erdenmenschen mit einem solchen Gerät passieren könnte.

Wie viel Geld bleibt mir denn noch, fragte sich GibreI. Er zählte seinen Restbestand: es reichte noch für zwei Tage feudales Luxus leben , zwölf Tage guten Mittelstand und bis zum Frühling in totalster Armut. Und Schmuck zum Verkaufen hatte er auch keinen mehr. Ein sozialer Abstieg kam nicht in Frage. Nie würde er vor diesen Primitiven hier das Gesicht verlieren wollen. Er würde einen solchen Spott einfach nicht ertragen.

Oft blieben Leute aus der Crew tagelang weg, in eine Liebschaft mit Erdenmenschen verstrickt. Manchmal auch ein Ding drehend, das hier Weiterentwicklung bringen sollte, aber bei solchen Experimenten machte er eher selten mit. Am meistens jedoch beim Nichtstun, auf einem einsamen Meeresstrand oder Berggipfel, in einer feerischen Waldschlucht oder auf einer sonnigen, summenden Blumenwiese. Zu zweit oder zu viert die Annehmlichkeiten dieses wunderschönen Planeten auskostend. Man würde ihn kaum vermissen, ihn ganz sicher nicht suchen. Jeder verlangte Eigenständigkeit, verbat sich Einmischungen in sein Privatleben, solange er die Ethik und die Gesetze einhielt.

Jetzt hatte er als einzige Weltraumfahrer-Technologie neben dem Notiz-Ringcomputer für den Rapport nur noch sein Taschenwerkzeug mit zwölf verschiedenen, aufklappbaren Utensilien im Hosensack mit dabei. Damit konnte er sich allerhöchstens mittelgrosse Handarbeiten basteln. Er musste sich sofort auf die Suche nach seinem Taschenjet machen. Inzwischen war es draussen stockdunkel geworden, er würde das verflixte Ding im Schnee gar nicht finden. Morgen früh …

… er programmierte den Ring-Computer, ihn vor Sonnenaufgang zu wecken, mit seinem Taschenwerkzeug wollte er dann in der aufkommenden Helle den Schnee schwach ableuchten. Jetzt würde man sein Licht zu sehr bemerken.

So legte er sich ins harte Bett. Seine zwei dicken Angora-Ziegenfelle erinnerten ihn etwas an seine heimatliche Decke voller langer, weicher Fäden, die seinen Körper an allen Gliedern umschmeichelten, bei jedem Atemzug leicht massierten, bei jedem Pulsschlag auf seiner Haut zitterten … leicht perlende Lieblingsmelodien weckten ihn sanft aus seinen Träumen, noch schwebte er zwischen Himmel und Erde, voller Bilder majestätischer Schneeberge und weiter Meere, seine Freundin Yokoa im Raumschiff oben … da zog sich sein Magen zusammen, brutales Erwachen, er schnellte hoch … der Taschenjet. Verdammt, den muss ich jetzt sofort finden. Ich will weg von hier …

… er zwang sich zur Ruhe, war schnell angekleidet, stampfte schon im Schnee herum. Langsam wanderte er den gestrigen Weg zurück, liess seine Leuchtstrahlen des Taschenwerkzeuges nur minimal scheinen. Für die Strecke brauchte er fast eine Stunde, dann war es komplett hell draussen. Nichts.

Gibrel biss sich auf die Lippen, stampfte missmutig herum, musste einfach seinen Ärger mit Laufen abreagieren, Ärger über sich selbst, aber auch über diese Menschen hier.
- Wenn die nur für einen kleinen Rubin weniger besitzgierig wären, würde ich mein Gerät problemlos zurückerhalten, käme ich jetzt mit deren Hilfe auch so aus meiner misslichen Lage heraus, stöhnte er laut vor sich hin. Nein, heute morgen war er nicht gut auf diese Erdenmenschen zu sprechen.

Ob es wohl etwas brächte, die herumlaufenden Leute um den Gürtelschmuck auszufragen? sofort würde sein Ansehen sinken, er selber als dumm, schwach dastehen, … er hasste diese Situation. Aber er konnte es auch anders herum anpacken. Da kamen gerade drei seiner Händlerkollegen dahergelaufen. Schnell kontrollierte er, ob sein Mantel vorne auch richtig geschlossen sei.
- So früh auf den Beinen? hänselte er. Man tauschte Höflichkeiten aus, dann plazierte er im richtigen Moment:
- Ich suche eine zweite Schnalle, so wie ich schon eine trage. Genau gleich gross und verziert, oder mindestens ähnlich. Ich zahle einen Höchstpreis dafür, auch für die Bemühung der Vermittlung.

Die anderen schoben die Lippen vor, nickten beeindruckt und versprachen, sich umzusehen. Gibrel wusste, die drei waren scharf auf das Geschäft, setzten somit alles daran, seine Schnalle zu finden. Er würde sich wohl für die Bezahlung noch etwas einfallen lassen müssen.

Zurück in der Herberge stärkte er seine Kräfte für weitere Taten. Jetzt nahm Gibrel diese Servierleute hier noch etwas mehr auseinander. Er erfuhr von einem solchen Unterhund, wie sie hier alle praktisch gratis arbeiteten, einfach nur ihr Überleben abverdienten. Bis ans Lebensende. Sie würden nie heiraten und eine Frau ernähren können.
- Seid ihr schon mal außerhalb dieses eingeschlossenen Tales hier gewesen?
- Die, die weggehen, kommen nie zurück, wir wissen nicht, was denen passiert. Wieder diese Angst vor dem Ungewissen, das Bedürfnis nach Sicherheit.
- Gehen viele weg von hier?
- Nur die ganz Armen, und jene, die weder beim Herrscher noch bei einem sonstigen Reichen eine Anstellung finden. Dann musste der ältere Mann wieder arbeiten.

Zwei waren die Söhne des Besitzers, eindeutig besser gekleidet, kommandierten die übrigen Angestellten herum. Gibrel winkte dem Jüngeren:
- Wie ist das mit den Mädchen in diesem Tal? Gehen auch solche weg ins Unterland?
- Wenn sie eine Frau kaufen wollen, kann ich ihnen eine Familie vermitteln. Der Sohn des Besitzers schien ihn nicht verstanden zu haben.
- Ich meine, geht eine Frau auch von hier weg, wenn sie noch nicht’ verheiratet ist? Der gute Mann machte große Augen, verstand die Frage überhaupt nicht.
- Warum sollte sie denn weggehen? Gibrel zuckte die Schultern, wischte mit einer Handbewegung das Thema vom Tisch:
- Es gibt ja ab und zu komische Leute, ich frage nur, wollte nicht mehr insistieren. Jetzt war der Sohn des Gast¬wirtes aber interessiert:
- Gibt es so etwas? wo? Kann ich solche Frauen kaufen?
- Hätten sie Arbeit für solche Mädchen? Der andere grinste:
- Die würden nicht mehr lange Mädchen bleiben. Die erste Nacht kann man mit solch einer Person das zehn- bis fünfzigfache beim Klienten verlangen. Ab der zweiten Nacht wird der Preis dann normal.

Gibrel seufzte wieder einmal still vor sich hin: solange die Hälfte der Menschen nur als billige Gebrauchsobjekte, oder aber als Projektionsobjekte für Jungfräulichkeit – was auch ein Art von Gebrauch ist – von der anderen Hälfte benutzt würde, sollte er nicht auf Verzicht von mythologischem Denken hoffen. Er plauderte noch etwas Banalitäten mit seinem Gesprächspartner und ging dann wieder ins Freie.

Dienstbeflissen trat er am Mittag, als die Sonne am höchsten stand, vor seine Majestät. Immer einmal in der Woche, vor dem gemeinsamen Ruhetag, konnte jeder anständig angezogene und einigermassen gebildete Mensch – durch eine vorher bei den streng musternden Hofbeamten getätigte Eintragung – mit dem Oberhaupt sprechen. Als erstes sah er die Ziselierarbeit seines Taschen¬Fluggeräts an dessen Gürtel festgemacht.

Fast hätte er die Sprache verloren, begann stammelnd mit vagen Höflichkeitsfloskeln. Er konnte seine Augen fast nicht mehr vom Gürtel wegheben. Jawohl, seit langem hätte er zum ersten Mal fast eine örtliche Etikette gröblich verletzt. Der König grinste schon leicht.
- Ich möchte seiner Hoheit diese Gürtelschnalle abkaufen, erdreiste sich Gibrel zu bitten.
- Ich verkaufe nie etwas. Woher kommst du denn, um so etwas nicht zu wissen?
- Wäre dann seine Hoheit bereit, mir diese Schnalle zu schenken? Der Herrscher überschnappte sich fast, wurde misstrauisch.
- Was ist los mit dir, heraus mit der Sprache, befahl er.
- Es ist meine Schnalle, Hochwürden, die Sie am Gürtel tragen. Ich habe sie verloren. Es ist ein Andenken an eine wunderschöne Frau, rechtfertigte er sich.
- Wer so dumm ist, ein Andenken an eine schöne Frau zu verlieren, verdient den Verlust. Dabei blieb es.
Dem Landesvater gefiel diese Ziselierarbeit halt zu gut, sie verlieh ihm eine zusätzliche Würde.

Das nächste Mal würde Gibrel sich ein weniger prunkvolles Stück basteln.

Unser Inspektor notierte die ethische Einstellung entsprechend dieser Weltanschauung. Dieser König war wohl nicht schlechter als andere, aber auch nicht besser. Er passte zu diesem Volk hier. Es verdiente ihn. Jawohl.

Dann wollte er noch des Königs Fähigkeit testen, sich Fremdem zu öffnen:
- Majestät, ich habe bei meinen Handelreisen zufällig erfahren, dass eine grössere Gruppe von Nichtgläubigen beabsichtigen, sich nächstes Jahr in Ihrem Reich niederzulassen, weil sie ein so guter Herrscher sind. Dann schwieg er. Seine Majestät reagierte schockiert.

Gibrel verzichtete dann auf seine weiteren, schon vorbereiteten Fragen. Mit diesen zwei Reaktionen wusste er genug: in den nächsten Jahren würde kaum mit einem Fortschritt, mit Neuerung, mit einer Verbesserung der unteren Schichten gerechnet werden können. Langfristig konnte dies, wenn keine kompensatorischen Elemente, beispielsweise religiöse, dazu traten, sogar einen wenigstens virtuellen Bürgerkrieg bedeuten. Trotz dem Aderlass durch das Wegschicken der Söhne der Ärmsten als Krieger für das Grossreich der Mongolen.

Er plapperte noch eine Weile mit dem Oberhaupt, beobachtete die arrogante Art, wie dieser mit ihm sprach, wie zu einem Unterhund – wirklich, dieser Mensch schien doch an seine echte Ueberlegenheit zu glauben. Gibrel erzählte ihm noch wichtige Nebensachen aus dem Ausland, welche der Herrscher eifrig aufnahm. Dann verabschiedete er sich standesgemäß.

Jetzt galt es nur noch, dieses Taschen-Fluggerät auch ohne Erlaubnis zurückzuholen. Und zwar rasch, er hatte keine Lust, hier noch lange zu schmoren. Ganz abgesehen davon, dass er sich nach dem eigenen Gesetz jetzt schon strafbar machte. Und zudem fand in zwei Tagen auf dem Raumschiff eines jener Feste statt, wo jedes Crew-Mitglied fortlaufend improvisierte. Nie würde er ein einziges davon verpassen wollen. Aber noch wollte er keine Gewalt anwenden und sich einfach brutal bis zum Gerät durchboxen. Er hätte damit sofort in den Augen seiner Kollegen da oben an Prestige eingebüsst.

Nein, immer zuerst die feine, die diplomatische Art, jene, die Köpfchen bewies. Wie es sich für ordentlich erzogene Weltraumfahrer geziemte. Es gehörte zu ihren ungeschriebenen Gesetzen, dass man jeglichen Aufruhr vermied. Auch wollte man sich jederzeit wieder blicken lassen dürfen.

Das Wetter war plötzlich abscheulich ‘geworden, der Schneesturm hörte nicht mehr auf, kein Mensch wagte sich ins Freie, die Geschäfte lagen brach. Nur noch schlafen, essen und Kinder zeugen hätten diese Menschen, also die Männer, heute im Sinn.

Weltraumfahrer sind auch opportunistische Menschen. Wenn es halt wieder mal sein muss, packten sie den Stier schon bei den Hörnern und legen sich ins Zeug, auch wenn sie normalerweise lieber nur herumfaulenzen, meditieren, träumen, palavern, philosophieren und das Leben zu verstehen sich bemühen. Nach einigem Nachdenken fand Gibrel eine seiner hiesigen Situation angepasste Lösung: er kaufte mit seinem letzten Geld bei einem der Handelsleuten zwei ganze, schön weich gegerbte Büffelhäute, feilschte sich noch etwas farbige Schnüre, Wolle-, Seiden- und Leinen-Naturfasern dazu und schleppte alles unbeobachtet in sein Zimmer.

Dort fabrizierte er aus diesem Material mit seinem Zwölffach-Taschenwerkzeug innert kurzer zeit einige lederne verzierte, bemalte, eingebrannte, ziselierte Fabeltiere, Fabelmenschen, fabelhafte Dinge, alles komplett nutzlos, nur der Schönheit dienend. Den Rest des Tages und den anderen Morgen verbrachte er dann damit, diese einmaligen Kunstwerke den obersten Snobs dieses Ortes zu entsprechenden Höchstpreisen anzudrehen. Dann bezahlte er für nochmals drei Tage sein teures Zimmer im voraus, ass weiter vom hiesigen Besten und widmete sich sofort dem einzig wichtigen Ziel: das verfluchte Taschen-Fluggerät auf zivilisierte Art wieder zu ergattern. Gibrel ärgerte sich immer mehr über seine eigene Ungeschicklichkeit.

Nur dem König hatte er keine Lederarbeit verkauft. Er hoffte, sein schönstes Produkt bei diesem gegen das Taschen-Fluggerät einzutauschen. Aber da hatte er die Sturheit der hiesigen Sitten unterschätzt.

Ein hoher Beamter, dem er eine besonders schöne Arbeit, zwei miteinander tanzende Fabelpferde, sündhaft teuer verkauft hatte, gestand ihm nach dem Handel:
- Dieses Stück da gebe ich jetzt dem Landesvater. Ich stehe in seiner Schuld und kaufe mich teilweise damit frei.
- Kann/ich ihm denn wirklich kein solches Ding verkaufen, fragte er den Beamten.
- Ums himmels willen, versuchen Sie das ja nicht. Nur schenken dürfen sie etwas.
- Und warum darf ich ihm nichts abkaufen, fragte er zurück. Jetzt schwieg der gute Mann und betrachtete ihn, wie wenn er eine unakzeptierbare Obszönität ausgesprochen hätte. Gibrel spürte es förmlich: jetzt war er für diesen Einwohner schlicht zum unkultivierter Barbaren geworden. Er musste wirklich etwas anderes finden.

Als nächstes bändelte er mit den persönlichen Kammerdienern seiner Majestät an. Nette Burschen, jung und unbekümmert in ihrem leichten Job. Er hatte sich kaltblütig nochmals mit Märchen bis ins innerste des Palastes durchgelogen. Jedermann glaubte alles, sobald das Gesagte den eigenen Vorstellungen entsprach. Hätte er sein Hypnosegerät bei sich gehabt – auch diesen Ring hatte er da oben einfach vergessen – hätte er der gesammten Sippschaft am Abend, wenn der König ausgezogen mit Frau Gemahlin bumste, einfach kurzerhand ein Blackout hypnotisiert und sich das verlorene Gerät schnell geholt.

Auch bei diesen jungen Burschen wurde es schnell gefährlich, sobald das Gespräch von den schicklichen Gedankengängen abwich. Keiner wollte etwas für ihn riskieren, auch nicht gegen viel Geld, oder gegen einen dieser wunderschönen Gegenstände.
- Was machen wir, wenn man uns mit deinem Zeug erwischt? So etwas steht uns nicht zu. Dann wird behauptet, wir hätten es einem Reichen gestohlen.

Nein, diese Jungs hier hatten zu viel zu verlieren: gutes Essen, eine leichte Arbeit, Zeit für die Hofmägde, im Winter ein schützendes Zuhause. Und die herrischen Launen ihres Brotgebers waren zu überleben. Gibrel insistierte nicht.

Nun, da gab es ja noch jene Kammerzofe der Königin. Kali hiess sie. Er hatte sie schon vor drei Tagen bei seinen Tests hier beobachtet. Sie war schon älter – Gibrel notierte, dass deren Arbeitgeberin schlau genug war, sich keine junge Magd neben ihrem Mann zu halten – hatte schon viele kleine Falten um die Augen aber entspannte, gleichmässige Gesichtszüge, war sicher sehr intelligent – und gütig. Einer jener wenigen Erdenmenschen, bei dem er eine uneigennützige Haltung hatte beobachten dürfen: sie hatte alle seine Tests glänzend bestanden, würde nie auf Kosten anderer Menschen, vor allem Schwächerer, für sich einen Vorteil wollen.

Am späten Nachmittag des vierten Tages stand er also wieder neben ihr, in einem der unwirtlichen, eiskalten Bedienstetenzimmer, die auch am Tag dunkel blieben und wo die persönlichen Mägde und Knechte des Herrscherpaares für dieses arbeiteten und hausten, Tag und Nacht Dienstbereitschaft meldend.

Hier brannte kein Feuer, Kali verbrauchte gerade ihre Augen beim Nähen neben einer nur schwachen Öllampe. Sie war dick angezogen, wie alle Bediensteten hier. Sogar ihre Füße steckten in warmen Pelzstiefeln, ein Geschenk ihrer Brotgeberin, hatte Kali das letzte Mal erzählt, ein altes Paar, das die Dame nicht mehr tragen wollte. Solche Geschenke waren hier die Ausnahme, wusste er.

Bei diesen Überlegungen kam ihm noch gleich in den Sinn, dass Vorwürfe jener Weltraumfahrer-Kollegen auf ihn warteten, die diese Erdenmenschen immer in Schutz nahmen. Diese prophezeiten todsicher, ein Diener würde an seiner Stelle des Diebstahls beschuldigt und für ihn büssen müssen, sobald er seine Gürtelverzierung zurücknahm. Am besten, er plante gleich sofort fest ein, nach der Rückkehr noch schnell ein Faksimile zu fabrizieren, zurückzufliegen und das ebenbürtige Stück dem König noch in der gleichen Nacht unters Bett zu legen. Sonst gäbe es wieder Streitereien in der Crew … und natürlich wollte er keinen unschuldigen Menschen für sich den Kopf hinhalten lassen. Auch keinen Erdenmenschen.

Aber jetzt ertappte sich Gibrel beim Gefühl, gerne mit Kali zu sprechen. Er liebte ihre Präsenz, beobachtete, wie diese Frau die Kleider der Königin zurechtbügelte, zerrissene Stellen nähte, alles mit flinken, präzisen Bewegungen. Sie hatte alle Hände voll zu tun. Zwar musste sie diese Kleider nicht zuerst waschen und trocknen, das besorgten niedrigere Mägde, aber das Glätten und Flicken machte noch genug Arbeit. Die Königin wechselte jedes Mal, wenn sie sich beschmutzt
hatte, und das geschah dauernd, ihre ganze Kleidung. Hauptsächlich beim Essen machte sie unbekümmert die grössten Flecken, oder beim Balgen mit ihren jungen Hunden zerrissen dauernd die feinen Stoffe und Spitzen. Und natürlich verlangte sie, jedes Stück in sauberem und geflicktem Zustand sofort wieder zurückzuerhalten.

Gibrel packte ein Ende einer langen Schleppe und hielt sie gerade, damit Kali besser zurechtkomme.

Diese blickte erstaunt an ihm hoch, er hielt ihren starken Augen stand, lächelte sogar leicht. Und das war während seinen Inspektionsreisen sicher eine Seltenheit. Diese ganze Unterentwicklung hier hatte ja immer auch etwas Bedrückendes für ihn.
- Was wollen sie von mir, war ihr einziges Kommentar. Gibrel wusste: hier machte keiner gratis die kleinste Geste.
- Ich habe beobachtet, wie sie einer jungen Frau geholfen haben, ohne etwas zurückzuverlangen. Jetzt helfe ich ihnen ebenfalls.

Kali senkte den Blick, schwieg, arbeitete flink weiter, liess ihn gewähren. Er hielt ihr die Kleidungsstücke zurecht. Gibrel wollte von ihr nur hier geduldet werden, nur bis heute Nacht bleiben dürfen, um sie, wenn alles schlief und keiner zusah, halt doch noch in diese verflixte Kammer zu schleichen und das verwunschene Ding endlich herauszuholen.
- Warum sind sie hier, wollte Kali wissen.
- Ich bin der neue Geschichtenerzähler seiner Majestät und muss hier warten, bis er mich rufen lässt, log er zusammen.

Weder Kali noch ihre Herrin wusste ja über dessen Launen Bescheid. Kein Mensch würde sich um ihn kümmern.
- Was für Geschichten erzählen sie denn? wollte eine andere Magd wissen. So improvisierte er, während er mit Kali arbeitete, einen kurzen Sketch:
- “Ein junger Diener des Allerhöchsten Königs, jener, der hinter den Sternen haust, kam in dieses Tal und wollte die Menschen studieren. Er sollte erfahren, wie sie hier lebten, und ob sich ein Besuch seines Königs lohnen würde.

Der junge Mann, er heisst übrigens Gabriel, sah viel Betrübliches, weil die Menschen oft böse zueinander waren. Das machte ihn traurig, denn in seiner Heimat hielten sich praktisch alle Menschen an das Gesetz des Königs’, gut miteinander umzugehen. Auch mit Frauen war man immer nur anständig, keine durfte geschlagen werden, man liebte sie richtig.

Nie führte man dort Krieg, weil die Könige nicht gegeneinander kämpften, sondern nur an das Wohl des Volkes dachten. Jedermann bekam genug zu essen, zu trinken, eine schöne Wohnung, ein Reisegerät, um damit magisch durch die Luft zu fliegen und Freunde zu besuchen. Keiner musste arbeiten, alle hatten einfach nur Zeit zum Spielen, Lesen und Schreiben und einander gern haben.

Aber in diesem Land hier war es scheinbar anders.

Viele Menschen waren traurig, weil sie nicht das zum Leben erhielten, was sie wirklich benötigten. Immer musste man für alles bezahlen, nur gegen Geld oder Arbeit erhielt einer seine Bedürfnisse gestillt. Kaum ein Mensch machte für Fremde eine Gratisarbeit, nur alles in den eigenen Sack.

Dieser Gabriel hatte notiert, dass das Land untergehen würde, wenn die Menschen sich weiterhin so aufführen würden. Als er alle seine Beobachtungen aufgeschrieben hatte und gerade zurückkehren wollte, verlor er seinen magischen Ring, jenen, der ihm erlaubte, sofort wieder zu seinem Vater hinter dem Himmel zu eilen. Jetzt war er hier festgenagelt, konnte nicht mehr zurück.

Er wollte alle Feen aufrufen, die ihm den Ring wieder finden sollten, aber dazu hätte er ja gerade den Ring gebraucht. Er suchte lange und merkte plötzlich, dass dieser Ring beim hiesigen Ortskönig steckte. Der hatte ihn an seinem Finger und wollte ihn nicht mehr zurückgeben. Alles Betteln nützte nichts, der Herr blieb hart.

Ich muss mir den Ring einfach so zurückholen, dachte der Diener des Allerhöchsten, dieser junge Gabriel. Was er dann auch tat. Als der falsche Besitzer schlief, schlich er in dessen Kammer und holte sich seinen Ring heraus. Erst jetzt konnte er wieder heim fliegen.”

Am Ende der Geschichte hatte er vier weitere Mägde und einen jungen Laufburschen um sich, die ihm mit offenen Mäulern zuhörten.
- Und, wie geht die Geschichte weiter?
- Was sagte der König am anderen Morgen, als er den Ring vermisste?
- Musste eine Magd dafür büssen?
- Welche Magd hatte Gabriel am Schluss geheiratet, bevor er wieder abflog?
- Warum hat er die Menschen nicht gelernt, gut miteinander zu sein? Er hätte doch dableiben können?
- Ich würde ihn bei mir aufnehmen, und ihn lieb pflegen.
- Quatsch, du dumme Kuh, in deiner lausigen Behausung bleibt er doch gar nicht. Spinnst du eigentlich?
- Wann kommt dieser Gabriel wieder?
- Wann kommt der allerhöchste König von hinter den Sternen hierher?
- Warum ging er wieder weg, als er seinen Ring zurück hatte?

Gibrel zuckte die Schultern.
- Dieser Gabriel hatte wohl Heimweh, sicher war das der Grund, konnte er nur noch stammeln.

Ihm war plötzlich mulmig. Kali hatte als einzige keine Fragen gestellt, die ganze Zeit geschwiegen, ihn sehr merkwürdig von der Seite angeblickt. Und überhaupt, diese Reaktionen hier waren viel differenzierter, als er mit seinen blöden Tests provoziert hatte. Diese kamen ihn jetzt plötzlich holzig vor, handgeschnitzt, ja primitiv. Er hatte das vage Gefühl, irgendwo etwas nicht richtig mitbekommen zu haben. Aber er konnte es nicht beim Namen nennen.

Die Bediensteten verzogen sich wieder, als er beharrlich schwieg, nur erstaunt vor sich hinstarrte. Als Kali kurz darauf wieder einmal bei ihrer Brotgeberin weilte, packte Gibrel eine feine, gar arg zerrissene Spitze und schweißte mit dem subatomischen Strahl seines Taschenwerkzeuges die feinen Fäden zusammen, liess nur wenig unbearbeitet. So würde Kali schneller fertig werden. Etwas später setzte er sich ruhig auf eine Bank, er konnte jetzt nur noch warten. Mit der Zeit wurde es Gibrel aber doch langweilig und wandelte in verschiedenen Mannschaftsräumen herum, sich die Leute und ihre Arbeit betrachtend. bei den Frauen wurden allerlei Textilien, Teppiche und sonstige Gegenstände geputzt und geflickt, zwei Mägde waren nur damit beschäftigt, der Herrscherin aus den schönsten Stoffen immer neue Kleider zu nähen. Gerade arbeiteten sie an einem violetten Samt.

Die Kammerdiener des Oberhauptes in den anderen Räumen kannte er ja schon. Sie hatten viel weniger Arbeit, mussten blass dessen Stiefel und Waffen polieren, Lederarbeiten verrichten, Öllampen flicken, sein persönliches Trinkgefäss putzen …

… und plötzlich schrak Gibrel zusammen, konnte sich gerade noch hinter einer halboffenen Türe verstecken, musste zweimal hinsehen … nein, er täuschte sich nicht. Was zum Teufel machte denn der hier?

Ein gewisser Mola, einer jener Sträflinge seiner eigenen Menschheit, der auf einem andern Planeten des benachbarten Sonnensystems seine Gefängniszeit absitzen müsste, stolzierte hier in der feinen Spitzenkleidung eines höheren Hofbeamten herum.

Gibrel erinnerte sich noch gut an das Gesicht, das kurz vor seinem Abflug im heimatlichen Fernsehen erschienen war. Dieser Mola war wegen andauernd öffentlichem Randalieren, fortgesetztem Raub von Privateigentum und zuletzt durch Besitz von ihm nicht zustehender Technologie verurteilt worden. Jetzt nahm dieser Mola dem Burschen, der des Herrschers Pokal sauber glänzend geputzt hatte, diesen sachte aus dessen Hand. Wie majestätischer eilte er doch damit aus dem Raum.
- Komisch, diese Sache muss ich schleunigst untersuchen.

Gibrel schlich Mola nach. Der verschwand zuerst in einem kleinen Raum. Sicher sein persönliches Schlafgemach, dachte unser Inspektor. Er versteckte sich in einer Nische, bis Mola wieder herauskam, mit des Königs Pokal in der Hand, diesmal als Hofschenk bekleidet. Also wird er ihn bei Tisch servieren und längere Zeit, wahrscheinlich den ganzen Abend, abwesend sein, wusste Gibrel.

Sobald Mola in Richtung des Speisesaals verschwunden war, wollte er dessen Zimmer untersuchen. Aber die Türe war verschlossen. Mit Hilfe seines Taschenwerkzeugs gelang es ihm, das Schloss aufzubrechen … Und was fand er, nach längerem Suchen? Gibrel hätte fast laut hinausgeschrieen: ein einwandfrei funktionierendes, als billiger, schmuckloser Armreif getarntes Taschen-Fluggerät …

… noch kurz einen Blick auf eventuelle andere Raumfahrer-Technologie, die nicht hierher gehörte, aber er fand nichts … Gibrel nahm sich nicht einmal die Zeit, seine Sachen im Gasthof zu holen.

Er stürmte in den Hof des Palastes, es war inzwischen praktisch dunkel geworden und schneite und stürmte derart viele eisige Katzen vom Himmel, dass er gleich unbeobachtet vom Innenhof abfliegen konnte. Gibrel puschte den Kragen hoch – die paar hundert Meter Schneesturm würde er in ein paar Sekunden durchquert haben. Und los sauste er.

Im Raumschiff bemerkte kein Mensch seine Aufregung bei seiner Ankunft. Er war total durchnässt und halb erfroren. Das erklärte wohl seinen Zustand. Alle liefen sie oft in den verrücktesten Erdenbekleidungen herum.

Gibrel nahm eine gehörige Dusche und stürmte dann sofort, mit seinem Reif-Taschenfluggerät, auf den Kommunikationssaal zu, um einen öffentlichen Bericht zu erstatten. Aber noch während er dorthin rannte, überlegte er: dieser entwischte Sträfling dort unten hatte mindestens einen Komplizen hier, anders war die Sache hier nicht zu verstehen.

Gibrel war für Ordnung. Wenn ich jetzt ein grosses Geschrei loslege, wird jener gewarnt, sagte er sich. Er lief direkt zu seiner Freundin Yokoa, eine der drei jederzeit ansprechbaren höchsten Verantwortlichen
- … was hälst du von dieser Geschichte? beendete er seinen Rapport.
- Eine lausige Situation. Ich muss einfach dem Mutterplaneten sofort Bericht erstatten. Ich darf bei einem so schweren Fall nicht selber wursteln.
- Auch nicht, wenn ihr alle drei zusammen entscheidet? fragte Gibrel.
- Nein, auch dann nicht. Weil Strafgefangene prinzipiell nur dem Parlament unterstehen. Ich habe keine Befehlsgewalt über diese Leute. Und weil diese hier gar nichts zu suchen haben, ist auch keine Zwischenlösung vorgesehen. Weiss der Teufel was da läuft.

Der Mutterplaneten verstand überhaupt keinen Spass. Nicht einmal für einen einzigen kleinen Rubin. Die Antwort der Regierung traf schon nach wenigen Minuten ein:
- eine spezielle Untersuchungsequipe, die der Regierung untersteht, wird sofort die Crewleute einzeln befragen;
- eine zweite, dem Parlament unterstellte Kommission, sucht sofort nach eventuellen weiteren Strafgefangenen;
- beide Equipen treffen sofort bei euch ein.
- deren Berichte werden Obligatorisch veröffentlicht;
- keines der Crew-Mitglieder darf sich an einem Ort befinden, der nicht gemeldet ist;
- alle müssen ihre Funkgeräte obligatorisch ab sofort auf sich tragen;
- der Grund der Untersuchung darf zu diesem Zeitpunkt ausser Gibrel und den drei Verantwortlichen keines der übrigen Crew-Mitglieder wissen. Das Ganze gilt als Routineuntersuchung.

Somit wurden die Körper der Kommissionsleute in subatomare Energie aufgelöst, dachte Gibrel. Der genetischer Code plus Gedächnis plus andere wichtige Wenigkeiten werden bei dieser Transportart direkt hierher ‘gefunkt’ und innerhalb dieses Sonnensystems wieder rekonstruiert. Ein Prozedere, das die Regierung sonst nur bei Alarmstufe eins benutzte.
- und das heisst, ich muss die anderen zwei Verantwortlichen, die sich auf dem Planeten genüssliche Ferien schenken, zurückpfeifen, hörte er Yokoa weiterplaudern. Und vor allem wir müssen jetzt zuerst einmal alle Leute aufstöbern, seufzte sie laut. Auch das nur wegen Gibrel. Das war für sie jederzeit machbar, die drei Leiter besassen für dringende Fälle eine Spezialtechnologie. Aber das brauchte niemand zu wissen.
- Ich sollte aber unbedingt in das Tal zurück, die Gürtelverzierung auswechseln, das aufgebrochene Schloss reparieren, vielleicht meine Sachen holen. Zeitlich sollte es gerade noch reichen.
- Komm, ich funk schnell ein paar Sachen hier und helfe dir nachher, diese Gürtelschnalle neu zu fabrizieren. Das Muster ist sicher noch im Computer gespeichert. Ich nehme an, dass dieser Mola des Königs Gürtelverzierung schon richtig erkannt hat und Besuch von uns erwartet. Er wird abhauen wollen und sein Reif-Taschen-Fluggerät vermissen, somit die Gürtelverzierung stehlen. Dann muss vielleicht wieder ein Dienstbote büssen. So viel Wirbel dürfen wir uns jetzt, wo gleich zwei Kommissionen auftauchen, gar nicht mehr erlauben. Du, ich komm lieber gleich mit dir.

Aber Yokoa war hauptsächlich verpflichtet, jetzt Gibrel nicht mehr alleine zu lassen. Aber auch das verschwieg sie ihm. Samuel, ein anderer der drei Hauptverantwortlichen, war sowieso schon eingetroffen.
- Fein, wenn du mitkommst, aber zieh dicke Kleider an, der Schneesturm dort ist gerade unerträglich, antwortete Gibrel nur. Er zog sich warm an, packte im Materialdepot ein Hypnosegerät, ein neues Taschen-Fluggerät – der billige Reif des Sträflings blieb als Beweisstück bei Samuel – er sah Yokoa noch einige Sachen in die Brusttasche stopfen, dann flogen die zwei los, durch das Unwetter hindurch.

Sie landeten dicht neben der Wache. Diese armen Kerle waren derart durchfroren, hatten die Mütze so tief über das Gesicht gezogen, dass sie nichts bemerkten, als die zwei im dunklen Flockengewirbel an ihnen vorbei schlichen.

Die königlichen Weingelage mit den Ortsobersten dauerten immer die halbe Nacht, Mola war noch hart am arbeiten, hatte seine kaputte Türe noch nicht bemerkt. Yokoa richtete diese mit einem Modellcomputer wieder zu Recht: es genügte, zuerst die Zeitskala einzustellen, also den Zustand vor der Zerstörung durch den Computer feststellen zu lassen und durch ihn auf Knopfdruck die ursprüngliche Form innert Sekunden wieder herzustellen. Sie hatte sich unbemerkt ein Miniaturfunkgerät ins Ohr gestopft.

Jetzt war sie mit den anderen zwei Verantwortlichen in Dauerkontakt. Deren plötzliches Erscheinen im Raumschiff wurde schon als komisch eingestuft.

Inzwischen hatte Gibrel die neue Faksimile-Verzierung unter des Herrschers Bett gelegt, so konnte er ihn beim Zubettgehen nur kurz hypnotisieren und seinechtes Stück wieder an sich nehmen.

Die Sachen in Gibrels Zimmer liessen sie noch liegen, Yokoa hatte vorgeschlagen, es könnte noch nützlich sein, hier einen Stützpunkt zu besitzen. Nach Mitternacht war das neue Stück am Gürtel des Königs. Kurz darauf waren beide wieder im Raumschiff zurück.

Dort herrschte eine eigenartige Atmosphäre. Man betrachtete Gibrel argwöhnisch … und schon trafen auch beide Kommissionen ein.
- Warum kommt eine Parlamentskommission zu uns, wollten mehrere Leute wissen.
- Wir müssen von zeit zu Zeit auch etwas arbeiten, rechtfertigte sich deren Sprecher mit gespielter Müdigkeit.
- Aber warum musstet ihr subatomisch, also so furchtbar schnell, hierher kommen?
- Wir haben die ganze Sache etwas zu kurzfristig geplant und Verschiedene von uns haben nachher keine Zeit mehr, log der Sprecher weiter.

Gibrel betrachtete die versammelte Mannschaft. Vielleicht würde sich jetzt einer verraten? Nichts geschah.

Einen Tag später informierten die zwei Kommissionen die Crew und auch die Menschheit zuhause über das Problem: kein Raumfahrer spielte mit Ungereimtheit, aber fünfzehn Strafgefangene waren bis jetzt ausgemacht worden, die sich auf diesem Planeten versteckten. Sicher waren diese fünfzehn Leute nur die Spitze eines neuen Eisberges.

Bei den Sträflingen handelte es sich immer um solche Leute, die auf dem Heimatplaneten zuerst in ihrer Familie als Heranwachsende versagt und sich nicht integriert hatten, dann öffentlich negativ aufgefallen waren und sich schlussendlich immer fortlaufend gesellschaftlicher Delikte schuldig gemacht hatten, ohne Aussicht auf Besserung, Karriere oder gesellschaftliche Integration. Zuletzt waren sie für die Allgemeinheit nicht mehr tragbar gewesen.

Alle diese Sträflinge hatten nur ein Taschen-Fluggerät in Form des gleichen billigen Armreifs bei sich, sonst wurde bis jetzt keine dem Planeten fremde Technologie bei diesen Leuten gefunden. Was aber noch nichts bewies. Und alle hatten sie sich einflussreiche Positionen in den verschiedensten Gesellschaften, deren Menschentypen sie glichen, ergattert, sich jetzt unter sozial wahrlich viel schwereren Bedingungen, als sie es auf dem Heimatplaneten hätten erdulden müssen, integriert, angepasst, arbeiteten fleissig, ja besessen. Einer hatte es bis. zum Minister gebracht und seinem Herrscher schöne Fortschritte durchgesetzt. Man stand vor einem Rätsel.

Dann beleuchteten beide Kommissionen vereinigt nochmals offen, in einer direkt auch auf den Heimatplaneten per Fernsehen übertragenen Plenarsitzung jene paar Crew-Mitglieder, die ungeniert offen für die Erdenmenschen eintraten, in diesen primitiven Haufen eine positive Zukunft hinein idealisierten. vielleicht hatten diese gemeinsam doch ein Ding gedreht? Und natürlich benutzten die Betreffenden diese Gelegenheit zu einem improvisierten Hofnarren-Spiel, auf ihrem Heimatplaneten immer noch ein ausgleichendes Kulturelement:
- Zum Glück brauchen wir das Parlament und die Regierung nur als Dekoration. Wenn wir wirtschaftlich von euch abhängig wären, könnte es uns bei eurem Schwachstrohmdenken genau so schlecht gehen, wie diesen Erdenmenschen hier
- Habt ihr nicht mehr Fantasie, als bei uns den Narren zu suchen?
- Seid ihr schon so müde mit Suchen? Ihr habt doch erst seit zwei Tagen gearbeitet, warum gebt ihr so schnell auf?
- Wie wollt ihr Betrüger fangen, wenn ihr Schwachpunkte so hohlköpfig nur bei Idealisten sucht statt bei euch selber?
- Erfindet doch einfach eine Menschheit, die eurer Begriffsstutzigkeit nicht so viel abverlangt.
- Haben euch die Erdenfrauen und -Männer so zugesetzt? Geht doch heim zum. Mammi, die wird euch schon trösten.
- Sogar meine kleine Schwester wüsste da einen Ausweg.
- Ist das jetzt eure ganze Rechtfertigung für euer herzloses Reagieren … für eure Verachtung diesen Menschen gegenüber? …

… bis von der Regierung auf dem Heimatplaneten der ganze Zirkus per Funk gestoppt wurde. Man habe etwas gefunden. Jene grossen Experimente, von denen immer gemunkelt wurden, wären im Spiel.

Kommissionsmitglieder, Crew und Verantwortliche atmeten auf, konzentrierten sich mit engagierten Gesichtern auf die TV-Wand, klar … man war doch nicht so blöd. Nur die Sträflinge, wegen denen hier der ganze Klamauk lief, blieben an ihren Arbeitsplätzen auf der Erde. Niemand fragte sie um ihre Meinung.

Einer jener Wissenschaftler, die als Querköpfe berühmt waren und meistens lieber in einem abgelegenen Kontinent auf dem Heimatplaneten an eigenen Studienobjekte wurstelten, statt an den staatlichen Kollektivprojekten mitzumachen, ein gewisser Kiro also, meldete sich auf dem Bildschirm:
- Unsere Sträflinge sind Menschen, die effektiv, wie einige von uns feststellten, genetisch mit dem Gross unserer eigenen Menschheit nicht übereinstimmen. Wir durften dann auch noch hören, dieser genetischen Abweichung im Bezug auf die Mehrheit der übrigen Bevölkerung bei unseren sozial unangepassten Menschen bedeute auch noch eine Minderwertigkeit.

Unsere Gruppe dagegen behauptet, diese mythologischen Einschätzungen von Gut und Böse können nicht durch genetische Unterschiede untermauert werden. Das ist Wunschdenken jener, deren genetischer Code dieser Mehrheit entspricht. Wir vermuten in solchen pseudowissenschaftlichen Sprüchen das Bedürfnis nach sozialer Bestätigung.

Wir haben uns die Mühe genommen, von allen unseren Sträflingen die Familie, das Umfeld, zu durchleuchten. Wir durften feststellen, dass Individuen und Gruppen, die bei sich selber ihre Realität, besonders aber auch ihre potentiellen Möglichkeiten, nicht akzeptieren konnten oder nicht durften, negative Projektionen auf andere Menschen richten.

Unsere Sträflinge sind ohne Ausnahme Menschen, die in ihrer Entwicklung eine solche negative unbewusste Projektion von ihrer Umgebung erleiden mussten. Wir haben unsere Sträflinge deshalb bewusst an hohen Stellen auf der Erde platziert, mit nur einem Taschen-Fluggerät ausgestattet, um bei Gefahr eventuell fliehen zu können. Wir wollen diese Leute ja als Beweisstücke am Leben erhalten wissen, um Euch zu zeigen, dass diese Menschen dort total gut angepasst sind und jetzt eine steile Karriere schaffen können. Warum?

Warum schaffen es diese Menschen jetzt, unter viel schwereren Bedingungen, plötzlich die Leistungen zu erbringen, die sie bei uns systematisch verweigert hatten?

Weil sie hier auf der Erde kulturell und gesellschaftlich immer noch besser entwickelt sind, als die übrigen Menschen. Auch wenn sie bei uns manchmal gar nichts lernen wollten, bleiben sie im Vergleich zum Wissensstand auf Erden wahre Genies. Das schenkt ihnen tüchtiges Selbstvertrauen.

Jetzt sind sie es plötzlich, die sich als die Besten aufspielen dürfen. Es ist, diese positive Projektion der Erdenbürger auf deren Persönlichkeit, die bei allen die steilen Karrieren auslöste. Jetzt werden diese Leute alle fortlaufend als besonders gut bestätigt, und sie benutzen diesen Einfluss zur Weiterentwicklung.

Natürlich haben wir keine Sträflinge genommen, die potentielle Mörder sind. Dieses Problem haben wir bewusst ausgeklammert. Erziehung und Kultur spielt zwar immer eine Rolle, aber sicher auch der Einfluss jener Mythologien, wie solche über so genannte genetische Minderwertigkeiten. Und letztere Pseudowahrheiten gehören für uns ganz sicher zu den Mechanismen der unbewussten Projektionen.

Wir wollten mit diesem Experiment beweisen, dass Sträflinge nie gänzlich alleine schuld sind an ihrer Haltung, das Umfeld spielt immer mit. Somit sollten auch unsere ewig negativen Urteile in Bezug auf den Planeten Erde neu zu überdenken sein.

Wir vermuten schwer, dass Negativprojektionen dann gegenüber einem Menschen getätigt werden, wenn dessen genetischer Code zu stark von den anderen abweicht. Dieser abweichende Code wäre dann also nicht ein Zeichen von Minderwertigkeit, sondern ein Grund für Rassismus der Umwelt gegenüber dem Betreffenden.

Wir möchten diesen Punkt näher beobachten und schlagen euch jetzt folgendes Experiment vor:
A): Wir nehmen bei uns hier gleich viele von jenen Sträflinge auf, die auf der Erde wegen Rebellion gegen das eigene System im Kerker landen. Wir möchten deren Anpassungsmodus bei uns studieren. Wir sind bereit, diese Leute in unseren Familien aufzunehmen und gut zu behandeln. Wir sind fähig, diese Leute positiv einzuschätzen, weil sie auf der Erde einen Fortschritt erträumten.
B): Wir beantragen weiter, dass unsere eigenen, jetzt auf der Erde entdeckten Sträflinge dort bleiben und durch unsere Parlamentskommission überwacht werden, in Zusammenarbeit mit uns Wissenschaftlern. Und dass alle jene unserer Sträflinge dorthin dürfen, statt auf einem öden Planeten nutzlos dahinzuvegetieren, welche keine Mörder sind.
C): Wir beantragen weiter die Schaffung einer paritätischen Kommission, die laufend in öffentlichen Diskussionen Bericht erstattet und diese Fragen weiterverfolgt.

Noch während vielen Stunden diskutierte man überall, im Raumschiff und auf dem Heimatplaneten, an diesen verrückten News herum. Dann stimmte jeder über diese Anträge ab. Ein Computer erfasste die Entscheidung aller Stimmberechtigten. Nach drei Stunden schon war das Resultat klar:
Antrag A), Erdensträflinge auf dem Heimatplaneten anzusiedeln, war mit 91 % der Stimmen äusserst massiv abgelehnt worden.
Antrag B), die eigenen auf der Erde zu lassen, hingegen knapp mit 53″% der Stimmen angenommen worden.
Antrag C) war somit obligatorisch angenommen, aber eigenartigerweise hatte diese Kommission 71 % der Ja-Stimmen erhalten. Man verstand, dass gewisse Leute zwar informiert werden wollten, unangepasste Sträflingen aber doch lieber in einem sicheren Straflager sahen.

Sicher ist die Anschuldigung, als Umfeld von Sträflingen mitverantwortlich zu sein, den Leuten im Hals stecken geblieben. Daher die massive Ablehnung, Erdenmenschen bei uns anzusiedeln. Man hätte ja damit etwas beweisen können, bemerkte Yokoa zu Gibrel.

Jene Crew-Mitglieder, die immer noch voller Hoffnung an die Zukunft der Erdenmenschen glaubten, hatten schon begonnen, einzelne Erden-Sträflinge, Rebellen, die einen Fortschritt hatten erwirken wollen und dafür im Kerker eines Ortspotentaten gelandet waren, auf dem Computerbildschirm den anwesenden Mitgliedern beider Kommissionen vorzuzeigen. Wegen der hohen Negativquote in der Abstimmung wurde aus diesem Projekt jetzt für längere Zeit nichts. Zwei weinten richtig, andere schimpften über diese rassistischen Egoisten, die nur profitieren konnten und eigentlich nicht besser waren, als die Erdenmenschheit. Nur einfach gerade mehr Kultur, Klasse, Wissen, einfach nur mehr Stil erarbeitet hatte.

Da ertappte sich Gibrel beim Gedanken, dass er Kali hin und wieder besuchen sollte, Einfach so. Und eigentlich durfte er auch nicht so sang- und klanglos, vor dem Frühling, aus diesem Tal verschwinden. Wäre ja auch eine unhöfliche Art.
Wirklich ohne Stil.

Und wenn ich mich beim König wirklich als Geschichtenerzähler empfehlen würde, ging ihm durch den Kopf, ihm damit einige Weisheiten unterjubelte? Würde es euch gefallen, ab nächsten Frühling, sobald jener Ort, wo Mola steckt, wieder schneefrei ist und ihr ohne Aufsehen eingeführt werden könnt, mit mir dort Aufbauarbeit zu leisten, fragte er sogleich die Gruppe der jetzt arg enttäuschten Idealisten vor ihren wieder abgestellten Bildschirmen.

Erstauntes Kopfnicken in Gibrels Richtung, verstohlen schauten sie ihn von der Seite an, ganz offensichtlich erwartete man von ihm nicht diese Reaktion.
- Ich glaube, mir ist in den letzten Tagen, und besonders heute Abend, die verrückte Abhängigkeit jedes Menschen von den anderen, ob auf diesen Erde hier oder bei uns zu Hause, zum ersten Mal so richtig bewusst geworden. Ich glaube schon, ich bin wirklich auf eine Art verantwortlich für die anderen, fügte er hinzu.
Jetzt strahlten einige der Idealisten schon wieder.

- Wenn sogar du Gibrel so etwas einsiehst, ist ja noch Hoffnung erlaubt

… Gibrel fühlte sich plötzlich von einer in ihm aufkommenden Wärme getragen, er atmete tiefer durch, richtete sich gerader auf … ein Gefühl, die Welt sei unendlich, kam in ihm hoch …

(eine Geschichte von Heidi Barathieu-Brun, geschrieben im August 1989).