Der muslimische Frauenschleier

July 28th, 2005

Hauptsächlich in muslimischen Ländern bestimmen Männer das Strassenbild, den öffentlichen Raum. Dort geben Frauen das Terrirorium sogenannt freiwillig ab. Dies mit Hilfe eines sie verhüllenden Schleiers. Dieser Schleier ist nur eine Grenzlinie zwischen dem Innen- und Aussenraum der Frauen während der Zeit ihres Aufenthaltes in der Öffentlichkeit.

Männer betrachten sich als Hüter von Territorien, daher erfinden Männer Grenzlinien. Der Schleier ist solch eine Grenzlinie, die auch das einfachste Männerhirn verstehen kann.

Frauen wissen, Männer konfrontieren sich schwer mit dem Femininen. Dem weiblichen in sich selber, und der realen Frau, der sie gegenüberstehen. Beide Konfrontationen, innen und aussen, sind konfliktgeladen. Nicht nur in der muslimischen Welt. Und wer möchte Konflikten nicht ausweichen, besonders nach einem harten Arbeitstag. Das Leben ist schwer genug.

Viele Frauen verstehen das, besonders dann, wenn ihr Mitgefühl sie steuert. So manche Frau möchte Männer trösten, pflegen, liebkosen, ihnen das Leben leichter machen. Jeder gute TV-Krimi nutzt dieses Klischee als Einleitung, besonders bei männlichen Bösewichten. Und in diesem Sinne können Frauen (junge Mädchen) ohne Probleme dem männlichen Wunsch (ihrer Brüder in den westlichen Vorstadtquartieren) nach Verschleierung erst einmal nachgeben.

Hinter diesem Rückzugsgebiet des Schleiers können sich Frauen beschützt fühlen. Beschützt vor den Männern, aber auch beschützt vor dem hässlich harten Alltag in der Öffentlichkeit. Wenigstens solange, wie im Innern einer Sippe der einzelnen Frau ein anständiger Platz gesichert wird. Oder man sie dies glauben lässt.

Je strenger die Kleiderordnung von der Umwelt gefordert wird, desto weniger lernen Frauen, sich im öffentlichen Alltag ohne sie durchzusetzen. In streng muslimischen Ländern, wo die Frau ins Haus verbannt wird, führt dies zum (bewussten oder unbewussten) Eingeständnis der eigenen Unfähigkeit, im öffentlichen Leben alleine zurechtzukommen, so wie unsere Töchter in der westlichen Welt dies lernen müssen, wollen, dürfen.

Nach einer gewissen Zeit des Eingeschlossenseins, WILL dann eine Frau den Schleier nicht mehr ablegen. Der Schleier und die dazugehörige Sicherheit sind Teil ihrer Identität geworden, die Rechtfertigungen dazu sind nicht mehr Ideologie, sondern im Innern verwurzelte Wahrheit geworden. Natürlich sind hier die Grenzen fliessend, zwischen Situationen, einzelnen Kulturen, Ländern, Individuen.

Alle Schattierungen sind möglich, ein Teil-Rückzug einer Muslimin mit strengem Kopftuch, religiös gerechtfertigt, der Sippe folgend. Wir lassen uns einschüchtern, wenn Tschador tragende Frauen im Iran Ämter besetzen. So wird die strenge Trennung der Geschlechter als natürlich verkauft, deren Einteilen in Kompetenzgebiete nicht als Hindernis zur individuellen Entwicklung entlarvt, es kann der in der Trennung versteckte Rassismus geleugnet werden.

Das strenge Befolgen von kulturellen oder sippenhaften Anordnungen gibt Halt. Es sind Krücken. Aber jeder weiss, wenn Krücken ewig behalten werden, werden sie zum Hindernis. Krücken lähmen.

Deshalb haben Krücken nur das Recht zu existieren, damit sie mit Mut und Schwung überwunden werden. Damit der betreffende Mensch über sie hinauswachsen kann. Falls der Anspruch, ein unabhängiges Individuum zu werden, überhaupt noch gilt.

Und diese Frage bleibt immer noch unentschieden: wie viel Individualismus ist normal, gesund, richtig, gewollt? UNSERE westliche Variante des Individualismus muss beim Heranwachsenden entwickelt werden. Wir sind uns dessen nicht bewusst, weil unsere heutige Gesellschaft diese automatisch erschafft. Aber wenn wir über den Schleier diskutieren, setzen wir die Freiheit der muslimischen Frau nach unseren Masstäben als Grundlage.

Und die Männer? Ja, denen müssen die muslimischen Frauen etwas abverlangen, falls sie das westliche Modell für sich beanspruchen wollen. Alle reden vom Schleier, keiner davon, wo der einfache muslimische Mann im harten Alltag seine Anleitung erhalten könnte, mit den eigenen unverhüllten Frauen umzugehen.

Eine Anleitung dann, wenn in den europäischen Vorstädten die männlich-muslimische Nachwuchsgeneration die europäische Gebrauchsanweisung zum Lebensalltag nicht mehr nachvollziehen kann. Wenn sie dann in einem zwanghaft werdenden Gruppenverhalten ihren Schwestern den Schleier aufzwingen wollen, als erfundene Teillösung ihrer eigenen Probleme.

Juli 2005

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