November

November 24th, 2005

November … du Wechselmonat … assoziierst unbeliebtes Wetter, verdrängte Stimmung, dahinwelkende Gemüter. Dein Name versteckt eitle Vorstellungen … wir spielten damals echt Novemberfamilie.

November … bei uns herrschte deine Wechselzeit. Vater stand für faule Nebel, ruhige Tümpel, grautraurige Gleichheit. Mutters kaltdumpfes Benehmen voll wirrem Aufbäumen bliess Novemberböhen … oh, kein Rütteln am Geäst, nein, solche Böhen krallen sich bloss fest, vereisen, bleiben hängen.

Keiner sah dem andern in seine Augen. In dreckige Fenster.

Nur ich war buntverrückter November … abgefallene Blätter, loses Durcheinander, hilfloser Sonnenschein. Ich entfloh dem Griff meiner Mutter mit wirrem Verändern, versteckte mich hinter immer neuen Masken. Sie kannte mich nie.

November … wie benimmst du dich denn? Deine Launen sind unberechenbar, gleichen unerlaubten Sitten elenden Volkes. Ja, wie benimmst du dich denn? Das Volk will doch Beständigkeit?

November … ich liebe jedes Wetter, so liebe ich auch dich. Besonders dann, wenn ich in netter Gesellschaft hier über dich faseln darf. Über dich, ein Kunstprodukt unseres Wahnes, das Leben in Zeilen und Abschnitte aufzuteilen. Keine Angst, wenn es mir nicht mehr passt, verändere ich die Regeln. Du darfst mich überraschen, ich nehme es dir nicht übel, beachte dich nicht. Auch ich habe beschummeln gelernt.

Schon wieder November … ich sehne mich nach Stille, will unbemerkt zur Ruhe gleiten, hinter den Ofen kriechen. Statt dessen renne ich im Weihnachtstrubel, kaufe überflüssige Geschenke. Oder soll ich euch fragen, ob ihr sie wollt? Ich glaube euren Antworten nicht mehr. Doch, die Stube ist mir zu eng, die Meditation zu langweilig, der Ofen noch ungeheizt.

Hinaus mit mir, fort ins Leben. Wo bleiben die Gespielinnen? Ich sehe nur den kleinen Pascal … der wollte noch Trost. Mein Pascal von damals, mein erstes Kind. Du Pascal, das war sie also, die eisige Novemberböhe. Sie hat dich weggefegt.

November … ich hasse dich. Du verpasst nichts mit warten. Du wirst meine Rache noch vernehmen.

November … warum schweigst du? Du künstliche Schöpfung unserer Einbildung und Langeweile. Du kannst nicht antworten, dich gibt es gar nicht. Aber mich gibt es. Ich spüre das Treiben der ersten Schneeflocken, oder die letzten Sonnenstrahlen, auch ohne dich. Dazu brauche ich keine Novemberreime.

Es ist immer jetzt, jeden Tag wieder neu. Und schon renne ich wieder los, mitten in den Trubel, den Weihnachtstrubel. Mit oder ohne dich, aber mit mir und den buntschwankenden Blättern im Kopf. Ich liebe deren verrücktes Spiel. Ich lebe noch. Auch jetzt.

Geschrieben als Free-Writing-Übung, während einem Schreib-Workshop im November 1989, und wiedergefunden beim Wühlen in alten Kartons. Irgendwie zeitlos.

Comments are closed.