Gewalt in einer Zürcher Schulklasse

April 6th, 2007


Meine Reaktion zur Rundschau auf SF1 vom 4. April 2007 – Lehrerverschleiss und anschliessendes Gespräch mit einer Lehrerin.

Hier eine inzwischen verbesserte Version:

Wir sind uns einig: Gewalt-Benehmen gehört eindeutig zu einer diktatorischen Mentalität. Wir wollen die Schule davon befreien und wir wollen, dass unsere Kinder gut lernen.

Wir sind uns nicht einig darüber, wie wir damit umgehen. Uns hindern unsere eigenen Lebensmythen, die immer dann zu Lebenslügen mutieren, sobald derentwegen ein Problem nicht richtig erkannt werden darf.

Ein paar bestehende Lebensmythen:

a 1) linker Mythos Nummer eins: es genügt den Leuten Freiheit, Gleichheit, ein minimales Einkommen und Sicherheit zu schenken, und alles wird bestens (ich gehörte lange dazu). Natürlich ist das für viele Menschen gültig, aber eben nicht für alle. Es ist damit nicht gemacht.

a 2) linker Mythos Nummer zwei: es genügt, die alten Strukturen einzureissen (patriarchale Ordnung) und die Jungen werden sich zu guten Bürgern entwickeln. Gegenbeweis: als männliche Kosovo-Jugendliche hier ausscherten, hat man plötzlich den Wert deren Grossväter im Kosovo als Familienoberhaupt wieder entdeckt, weil diese die einzigen waren, auf welche diese jungen Männer hörten.

b) der Mythos der guten Mutter: Mammi macht’s, das Kind soll vor (dem Bösen) der Welt geschützt werden. Bei uns bis zum Ekel beobachtbar. Diese Mütter haben kein eigenes Lebensziel, weil in der realen Gesellschaft – allem Feminismus zum Trotz – die junge Frau immer noch zuerst als Mutter am besten bewundert wird. Ich habe junge Frauen beobachtet, welche am Arbeitsplatz nicht vorwärts kommen durften (Männer erhielten die ersehnten Arbeitsplätze). Aus Frust heirateten sie und hatten Kinder.

c) der Mythos Elternrecht. Vielleicht der grausamste, eine Verlängerung der beiden ersten Mythen. Damit dürfen Eltern unerzogene Jugendliche gegen Lehrer in Schutz nehmen. Die Lehrer haben keine Macht mehr. Solange Eltern so übermässig in die Schule hineinregieren dürfen, wird eine Besserung nicht möglich. Dieser Mythos ist deshalb grausam, weil der Jugendliche null Chancen hat, sich auf die Realität des Lebens vorzubereiten.

Als Erwachsener kann der Jugendliche dann nur noch – nach dem Gesetz des Sozialdarwinismus – herrschen oder beherrscht werden, Dazu kommt, dass die Erwachsenenwelt insgesamt jede Erziehungsverantwortung in der Gesellschaft schon lange aufgegeben hat (Benehmen im Bus etc).

d) der Mythos Individualismus. Das Individuum wird nur noch als Einzelwesen erkannt, nicht als Teil einer Gesellschaft. Daran gekoppelt ist der herrschenden Sozialdarwinismus (siehe Globalisierung).

e) Der am meisten tabuisierte Mythos: man darf einen Dummkopf direkt nicht als das benennen, was er ist. Es ist nicht nur unschicklich, wir können eingeklagt werden. Resultat: der Betreffende versteht nicht, was wir ihm sagen wollen. Er kann sich selber das Gesagte wegleugnen.

Ok, warum nicht? Das Resultat: wir überlassen das Feld den Dummköpfen, jenen, die sich gegen Veränderungen sperren (z.B. oben genannte Eltern). Den Preis bezahlt die Gesellschaft als Ganzes. Nicht nur in der Schule.

Dieser Punkt, von uns selber als ‘anständig sein’ empfunden, hindert uns auch daran, Eltern aus Ländern mit anderen Erziehungsgewohnheiten hart anzugehen, wenn deren Buben /junge Männer ausscheren.

f) der letzte und zäheste Mythos: die viel zu lange dauernde obligatorische Schule. Ich behaupte: Zwischen 10 und 16 Jahren sollte jedes Kind das Recht erhalten, eine Aus-Zeit von der Schule zu nehmen und in der realen Arbeitswelt mal zu schnuppern. Es muss auch möglich sein, später wieder seine damit verpasste Schulzeit nachzuholen. Ich behaupte, dies würde der Gesellschaft am meisten helfen. Es ist nun mal wahr, dass schon 11 bis 14 jährige nicht mehr wissen, warum sie eigentlich zur Schule gehen.

Problem: welcher Arbeitgeber soll den diese verzogenen Jugendlichen aufnehmen? Sich mit ihnen abmühen?

Kein Problem: schicken sie dorthin, wo sie Armen helfen können, im Sinne eines Hilfs-Jahres. Diese Jugendliche können weit mehr, als Sie sich jetzt vorstellen mögen. Sie können helfen, Strukturen einzurichten, welche dort dringend benötigt werden: Kindern in Elendsvierteln einfachste Schule geben, deren Bewohnern bei einfachen Verrichtungen helfen, uns altbekannte Tricks zeigen zum Bewältigen der Realität. All das würde sie kreativ werden lassen, helfen, real auf die Welt einzugehen, sich ihrer eigenen Wahl bewusster werden. Und wenn diese Jugendlichen merken, dass das Leben im Elendsviertel doch nicht das wahre ist, wissen sie vielleicht nachher, warum sie lernen könnten.

Ich weiss, dass unsere Erwachsenen DAZU nicht reif sind. Ich denke ja nur laut. Aber machen wir trotzdem weiter:

Was? Kinder dürfen nicht arbeiten? Ja, hier stossen wir auf den zähsten unserer Lebensmythen, denn unsere verwöhnten Kinder sind ja auch nur der Ausdruck unserer eigenen Lebenslüge. WIR Erwachsene sind es, die ‚alles’ den Kindern geben wollen. Diese Jugendlichen sind nur das Resultat unserer eigenen Verwirrung in diesem Punkt.

Denn hier geht es darum, dass erstens FREIWILLIG die Schule aufgegeben würde, und zweitens nur für eine bestimmte Zeit, und drittens bin ich überzeugt, dass es immer welche geben würde, denen die Arbeitswelt besser gefallen würde und die gar nicht mehr in die Schule zurückkehren wollten.

Wollen Sie ihnen das verbieten?

Nichts hinderte uns daran, diesen jung ausgestiegenen in freiwilligen Berufsschulen das wichtigste nachzuliefern.

Falls Sie mit diesem Gedanken wirklich Mühe haben, so denken Sie doch einen Moment lang an ein Panterweibchen, wie es seine Jungen auf das Leben vorbereitet. Ich behaupte, dies ist die einzige Art, Realität NICHT zu leugnen.

Ich behaupte: unsere Elternschaft leugnet insgeheim die Realität, die sie erleben müssen und projizieren ihre ganze Verwirrung auf den Nachwuchs.

Man hat viel über die 68er gelächelt, welche Neues erfinden wollten, und nicht durchkamen. Heute glaube ich, dass einige der damaligen Versuche uns weitergebracht hätten.

In Frankreich existiert die Einrichtung, dass Kinder zu Haus die Schule absolvieren dürfen. Das ist einer der (wenigen) Vorteile der Tatsache, dass in Frankreich der Adel politisch immer noch viel dreinredet. Adelige wollen ihre Kinder selber erziehen, und die Möglichkeit dazu besteht noch. Die Begründung dafür sind offiziell nicht die Adeligen, sondern die Kinder von Fahrenden, Schiffs-Familien, Zirkusleuten, weit abgelegenen Bauerndörfern, etc. etc.

Auch wir hatten damals für unsere Kinder von dieser Institution profitiert. Eine Akademie (Nantes) hat eine Abteilung für Fernunterricht. Es gibt ein Basisprogramm, das eingehalten werden MUSS. Jede Woche werden die vom Kind gelösten Aufgaben eingesandt, alles wird gut überwacht. Somit bestand ein guter Mix aus Muss und freier Wahl.

Wir gründeten eine Privatschule, zusammen mit anderen Eltern und meldeten sie im Departement an, sie wurde bewilligt, weil echte Lehrkräfte vorhanden waren. Unsere Kinder bewältigten dieses Fernlehrgang Mussprogramm locker am Vormittag. Unsere privaten Lehrer waren gut genug, dies so durchzuziehen. Am Nachmittag durften die Kinder wählen, was passieren soll.

ÖKONOMISCH sollte das nicht teurer werden für den heutigen Staat, wenn man alle Nebenkosten für Schäden, Verpatztes, sonstige menschliche Reparaturen mit einrechnet.

Achtung: hier geht es nicht darum, zu Hause Schule zu halten, sondern das Programm auf weiter Basis selber gestalten zu dürfen.

Es gibt ja schon Experimente wie Freinet, Montessori, Wahldorf, Rudolf Steiner etc.

Resultat:

Mit diesem Programm wurde SOLL und FREIE WAHL geschickt gemischt. Die Kinder hatten Vorteile von beiden Aspekten. Sie lernten, Verantwortung zu übernehmen.

Als nach fast zwei Jahren das Experiment vorbei war (wegen uns Eltern, nicht wegen den Kindern), waren die Kinder viel besser in der richtigen Schule. Sie hatten sich angewöhnt, diese Eigenverantwortung nicht mehr aufzugeben und haben dann freiwillig so gut gearbeitet, wie sie nur konnten. Sie wussten plötzlich, warum sie lernten.

Wir Eltern müssen lernen, uns ein wirkliches Lebensziel zu geben. Ich behaupte: nur für die Familie da sein ist kein wirkliches Lebensziel, weil wir, ohne es zu merken, die derart beschenkten Menschen fest an uns ketten, ihnen nicht mehr den nötigen Freiraum geben, den sie vielleicht bräuchten, nach dem Motto: ‚ich gebe Dir alles … stopp: der folgende Teil ist selbst tabuisiert, verschwindet im eigenen Lebensmythos, der zu einem Familiemythos mutiert.

Dieser Punkt ist auf jeden Fall der grösste Mutter-Mythos. Er verhindert, dass Jugendliche wirklich erwachsen werden. Die Unreife der Mutter, ohne anderes Lebensziel, als Ursache? Ich weiss, Feministinnen steigen da auf die Barrikaden.

Die echte Gleichheit von Mann und Frau, im privaten Denken und Handeln, würde hier schon weiterhelfen.

Unsere Lebensmythen (Lebenslügen) sind uns zu wertvoll, um sie aufzugeben. Wir brauchen sie unbedingt für unsere eigene innere Balance. So sind wir eine Gesellschaft, die nicht wirklich vorwärts macht und Neues ausprobiert. Schade, vor allem schade für die Jugend.

Und der allerletzte Punkt, der für mich wichtiger ist als alle anderen: solange die Globalisierung so weiter haust, sind überfüllte Klassen, Geldmangel, kaputte übermüdete Eltern, Jugendliche ohne richtige Chancen das grössere Hindernis, als alles oben gesagte. Das weiss auch ich.

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