Vom Gleichgewicht aller Faktoren – 1986

April 25th, 2007


Mein damaliger Kommentar, gedruckt von der Basler Zeitung BaZ Nr. 274, am 22. November 1986, als Antwort auf einen langen Artikel ‘die Angst vor dem Untergang des Abendlandes’, BaZ Nr. 266, vom 13. November 1986:

Einigen im ‘Pariser Forum’ ausgesprochenen Ideen ist mit Grundsätzlichem zu widersprechen:

” … weniger Kinder kommen auf die Welt … “. Es scheint den Militärs immer noch entgangen zu sein, dass die Frauen, die diese Kinder gebären, ihr Leben heute selbst bestimmen und ob sie diese Kinder überhaupt wollen. Frage: Was wollen diese Militärs schützen, indem sie uns Frauen schützen wollen? Uns, oder die Idee, die diese von uns Frauen haben?

” … Überschwemmung von Ausländern … “. Mir scheint typisch für solche Redner, dass Gastarbeiter und Flüchtlinge mit Terroristen in einem Atemzug genannt werden. (Eben alle, die anders sind als ‘wir’).

” … Kurve in der Natur, die abflacht … “. Lies: Geburten werden schon wieder ansteigen (Hoffnung dieser Männer). Eben, eben, die Frau ist immer noch das Stück “Natur, das es zu bewältigen gilt”. Überhaupt nichts gelernt!

Ängste – drei sind aufgezählt:

- Geburtenrückgang als solcher;

- Sozialsystem/Alterversorgung;

- Verteidigungsschwäche.

Ich finde es wiederum typisch, dass die offensichtlich ‘männerkultivierteste’ die auch am meisten betonte ist. Man wird den Eindruck nicht los, dass Sozialethik und der ganze Rest nur zur Verschönerung des fast nicht mehr versteckbaren Machtwillens herhalten muss und dementsprechend sowieso zweitrangig ist.

Dem entgegenhaltend wünsche ich:

- vorübergehend vor allem wenig männliche Kinder, bis die Kriegshetzerei aufhört mangels Soldaten;

- die Frau soll nie mehr zu dem Stück Natur rückwärts definiert werden können, aus der sie, wenigstens in einigen Köpfen hierzulande, entwichen ist. Oder anders herum gesagt, wenn schon Natur, dann wenigstens Natur so, wie sie seit Jahrtausenden ist: ein Gleichgewicht aller Faktoren, die einander nie total gegenseitig ausmerzen, und von dem gerade diese Herren viel lernen könnten;

- Frauen, die noch in Kulturen leben, die zum Inhalt haben, dass die Frau dem Mann gehorchen soll, müssen von uns die nötige Hilfe erhalten, die ihnen eine Emanzipation nach deren eigenen Vorstellungen ermöglicht;

- meine Angst: dass wir Menschen es nicht mehr schaffen, dieser Art Mentalität, die eben immer noch an der wirklichen Macht sitzt, das Handwerk zu legen und ein Umdenken auf noch breiterer Basis als schon erreicht zu erarbeiten;

- Geburtenrückgang: wenn die Frauen in der dritten Welt und sonstigen ärmeren Ländern mehr Kinder als bei uns produzieren, dann auch nur daher, weil dort die Frauen in einem vielschichtigen kulturellen und ökonomischen System leben, das sie dazu auffordert und zwingt.

Ich bin überzeugt, dass jede Frau, wenn sie dazu die Möglichkeit und (vom Ehemann) das Recht hat, ihre Kinderzahl vernünftig reduziert. Die Antwort auf ein Geburtenungleichgewicht im Abendland/ übrige Menschheit ist nicht, uns mehr Kinder anzuhängen, sondern den Frauen in anderen Kulturkreisen zu helfen, ein nicht vom männlichen Denken bestimmtes, ökonomisch unabhängiges Selbstverständnis zu erhalten, was immer nur via ökonomische Unabhängigkeit der einzelnen möglich sein wird.

Die ökonomisch Schwachen, u.a. die Frauen, benötigen eine wirtschaftliche Realität, die solche Tatsachen berücksichtigt und darauf abgestimmt ist. Wir in unseren Breitengraden können mithelfen, solche wirtschaftlich gerechte Realitäten zu verlangen, durchzusetzen.

Noch 1965 (!) wurde in Südwestfrankreich von einem Arzt in der Provinzhauptstadt auf die Frage nach der Pille geantwortet: “Madame, ich habe schon mit dem Medizinerorden Schwierigkeiten, weil ich zu vielen Frauen die Pille verschrieb unter einem medizinischen Vorwand. Wenn ich noch eine weitere Pille verschreibe, werde ich vom Berufsregister gemerzt”. Wir vergessen heute, 1986 in Europa, wo wir herkommen: direkt aus dem Mittelalter.

Altersversorgung: Noch nie etwas gehört vom Umstellen auf die Geldquelle, Abgabe pro industriell hergestellte Einheit, statt auf nominelle Arbeitnehmerbeiträge, die sowieso immer weniger werden. Die Gleichung ‘mehr Kinder und doch weniger Arbeitsplätze’ scheint jedenfalls nicht aufzufallen.

Verteidigung: Was wollen wir Westeuropäer verteidigen? Uns alle zusammen? WER, uns alle zusammen?

Ich gehöre nicht in die Denkschemen von Leuten, die so gemeingefährliches Denken noch heute, 1986, offen aussprechen dürfen und sich dabei noch den Mantel von Würde und Kultiviertheit, Reichtum und Ansehen, bessere soziale Klasse und das Sagen, was Recht und Unrecht ist, selber geben.

Wie lange sehen wir dem noch zu?

(Geschrieben 1986).

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