Gedankenfetzen zur öffentlichen Meinung

February 5th, 2006

Das Recht auf Distanz zur öffentlichen Meinung nach aussen zu vertreten fängt damit an, diese Fähigkeit erst einmal zu entwickeln. Das heisst, intim überzeugt sein, ich habe dieses Recht. Dann zugeben, wie viel bin ich dazu fähig? Kann ich öffentlich Anderstdenkenden gegenüberzutreten? Bin ich fähig, grösserem Druck stand zu halten? Es wird immer wieder vergessen, dass das auch gelernt werden muss.

Dann weiter: bin ich überhaupt gewillt, zu so etwas anzutreten?

Gemeinsam geht es doch besser. Solange Gemeinsamkeit besteht, kann eine öffentliche Gegenmeinung sehr lustvoll sein.

Viele verschiedene öffentliche Meinungen halten sich gegenseitig die Balance. Keine dominiert endgültig, alle wissen, wir müssen mit den anderen leben. Wenn genug öffentliche gegenseitige Meinungen eine Diktatut verhindern, haben wir die geläufige Demokratie.

Lassen wir uns nicht dadurch täuschen, dass jeder diese Meinungsfreiheit scheinbar akzeptiert. Ich zweifle immer mehr, ob wir wirklich Demokraten sind, oder ob wir nicht einfach nur verhinderte Diktatoren sind. Wir hätten es nur nicht geschafft, eine vernünftige Lösung zu finden, die alle genau so wollten. Wir leben in Kompromissen und haben auch gelernt, dies zu akzeptieren.

Das geht gut, solange wir einigermassen korrekt kutschieren können, so wie jetzt in der Schweiz unser System der streitbaren Konsenspolitik jedem ein bischen Genugtung bringen kann. Diesen Konsens verwechseln wir mit Toleranz. Toleranz vor der unterschiedlichen Meinung der anderen. Dann ist das Recht auf Distanz zur öffentlichen Meinung leicht zu haben.

Oft bündeln sich gegenseitige, als gängig erkannte Meinungen zusammen, gegen eine neue Minderheit, die bekämpft werden soll.

Im Islam haben sich Fundamentalisten deswegen durchgesetzt, weil die moderaten Strömungen ihre Gegenstimme gar nicht mehr hören lassen. Schon lange nicht mehr. Dort hat eine Minderheit ihre Diktatur fest in der Hand.

Einzelne oder kleine Gruppen gehen auf Crashkurs zur öffentlichen Meinung. Homosexuelle Ehen sind schon fast akzeptiert, Verschwörungstheorien oder UFOs können noch belächelt werden, Geschichten über geklonte Babys werden beschimpft, und bei der Diskussion um die Freiheit für Cartoons von Mahommed kann es endgültig ernst werden, sobald Morddrohungen ausgesprochen werden. Jetzt wird nicht mehr gelacht.

Keine Toleranz für Morddrohungen, für Nazis, für Menschenschänder.

Es wird nie ein endgültiges Rezept geben, wir müssen jedesmal neu hinsehen und entscheiden. Und die Verantwortung für diese Entscheidung selber übernehmen.

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